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Wozu Jugendarbeit?

Die hessische Studie ist nun online einsehbar

Der provokative Titel verweist auf die Situation, in der sich viele Standorte der offenen Kinder- und Jugendarbeit befinden: Es besteht ein deutlicher Legitimationsdruck, vielerorts ringen die Fachkräfte um eine Schärfung ihres Auftrages und nicht selten hat sich die offene Kinder- und Jugendarbeit mit Hausaufgabenbetreuung und anderen Angeboten als zweites Standbein der Schule etabliert oder ist zunehmend im Bereich der erzieherischen Einzelfallhilfen tätig.

Mit der vorliegenden Studie“ Wozu Jugendarbeit?“ der Frankfurt University of Applied Sciences erhalten Fachkräfte die Chance, in sechs hessischen Standorten der OKJA zu Besuch sein zu dürfen und die Jugendarbeit, ihre Zugänglichkeit, die Arbeitsweise, die Angebote und die jeweils eigene Haltung mit den Augen der Jugendlichen, der Mitarbeitenden und der Organisationsebene/Leitung zu sehen. Prof. Larissa von Schwanenflügel, Celine Heinrich und ihrem Team der Frankfurt University of Applied Sciences gelingt es außerordentlich gut, neben der Darstellung divergierender Praxisstrukturen, Faktoren und Empfehlungen für eine gelingende OKJA herauszuarbeiten:

Ein Kriterium soll an dieser Stelle schon genannt werden:

In der offenen Kinder- und Jugendarbeit gilt das Prinzip der Freiwilligkeit. Niemand wird genötigt zu kommen oder zu bleiben. Es gibt keine strukturellen Verpflichtungen wie eine Anwesenheitspflicht oder die Notwendigkeit einer Mitgliedschaft. Im Jugendclub darf ein stetiges Kommen und Gehen sein.
Der Wandel ist ein grundsätzliches Charakteristikum der offenen Kinder- und Jugendarbeit.
Die Beweglichkeit und die Offenheit des Arbeitsfeldes zeigen sich auch in Zielen, Inhalten und Arbeitsweisen, die sich entsprechend der Besucherschaft verändern. Sie orientieren sich an der Lebenswelt und dem Bedarf der Jugendlichen und werden mit, und zwischen den Akteuren, immer neu verhandelt.

Der Satz: „Das machen wir schon seit Jahren so“ wäre aus vielerlei Gründen problematisch. Nicht zuletzt, weil sich die offene Kinder- und Jugendarbeit durch eine geringe institutionelle Macht auszeichnet.  Stattdessen setzt sie auf Offenheit, auf Aushandeln, auf Diskurse, auf Partizipation und Mitbestimmung. Nur so kann sie die sich wandelnden Lebenswelten von Jugendlichen verstehen und Heranwachsende unterstützen, die vielfältigen Herausforderungen der Adoleszenz zu bewältigen.

Es ist daher von hoher Wichtigkeit, die Strukturen der Offenheit immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Alle weiteren Empfehlungen und die gesamte Studie können Sie hier einsehen.

Inwiefern ist die offene Jugendarbeit immer noch ein Ort des Experimentierens für alle Jugendlichen, sind die Artikulation und die Verfolgung eigener Bedürfnisse gewünscht, können Interessen mit Gleichaltrigen verfolgt werden, darf Jugend und ihre Themen öffentlich sichtbar werden, ist Mitbestimmung von Jugendlichen das Grundprinzip der Arbeit? Allzu oft geraten Charakteristiken der offenen Arbeit schleichend aus dem Blick und werden von anderen Strukturmerkmalen verwässert, wie z.B. wenn schulische Belange die offene Arbeit ad absurdum führen.

Die Steuerungsgruppe um den Fachausschusses Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit des Landesjugendhilfeausschuss hat sich sehr engagiert für einen konzentrierten Blick auf das Feld der offenen Jugendarbeit im Land Hessen eingesetzt und die vorliegende Untersuchung auf den Weg gebracht und fachlich begleitet. Mit der Studie verbunden war eine Tagung mit über 200 Teilnehmenden im Mai 2021. Diese wurde durchgeführt vom bsj Marburg im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration.

Wir freuen uns, dass es möglich war, die bereits fertiggestellte Studie in 2020 noch um eine Erhebung zu ergänzen, die sich mit den Auswirkungen der Pandemie auf die Kinder- und Jugendarbeit auseinandersetzt. Die Strukturmerkmale der Kinder- und Jugendarbeit von Offenheit, Freiwilligkeit und Diskursivität konnten nun seit mehr als einem Jahr nicht erfüllt werden. An seine Stelle traten Verregelungen, Reglementierungen und Separierung.

Die vorliegende Studie gibt einen sehr spannenden Einblick in das Arbeitsfeld, vor der Pandemie und zu Zeiten des Lock-Downs. Wir dürfen eintauchen in 6 hessische Standorte, die uns divergierende Praxisstrukturen und Ausformungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit aufzeigen und Rückschlüsse über Faktoren einer gelingenden offenen Kinder- und Jugendarbeit zulassen.