Monika Eckern1: Umgang mit dem Fremden: Sehnsucht und Furcht - Reisen, Rückblick, Reflexion.
Ich kann über die Welt ein einheitliches Netz der Beschreibung legen, durch das ich alles auf eine einheitliche Form bringe. Je nach der Art von Netz, die ich wähle, entsteht eine Art der Weltbeschreibung. Wenn ich verschiedene Netze nehme, bringe ich verschiedene Weltbeschreibungen hervor. (Ludwig Wittgenstein, Tractatus Logico – Philosophicus)
Das Projekt „TeRoMar“, über das ich hier berichten möchte und in dem ich eine steuernde Rolle als Diplompsychologin innehatte, war nach den Standorten der drei Projektpartner aus Teneriffa, Rom und Marburg, auf die im Folgenden noch näher eingegangen wird, benannt. Es war das erste große EU-Projekt, an dem der bsj Marburg am Ende der 1990er Jahre, genauer gesagt zwischen 1997 und 2001 beteiligt war. Die 1990er Jahre waren insgesamt stark von dem bereits in den 1970er Jahren begonnenen Bemühen um eine Integrationspolitik geprägt, die die Dringlichkeit einer aktiven Integrationsförderung von Migrant_innen und Geflüchteten anerkannte, ernst nahm und mit passenden Maßnahmen steuerte. Leider wurde erst mit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 ein gesetzlicher Rahmen zur Umsetzung geeigneter Maßnahmen von der Politik geschaffen. Bis dahin wurde die Umsetzung von Integration im Lebensalltag der betroffenen Menschen zum Großteil an die zahlreichen Wohlfahrtsverbände delegiert. Nur vier Jahre später trat 2009 in Deutschland die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in Kraft, die den Wechsel von der Integration zur Inklusion einleitete.
Vor diesem Hintergrund war das Projekt „TeRoMar“ fortschrittlich und innovativ im Sinne der damaligen Integrationspolitik konzipiert. Es thematisierte die Übernahme von Verantwortung für benachteiligte Jugendliche, es warf Fragen nach ihrem Bedarf auf und es integrierte einen transnationalen fachlichen Austausch, bei dem Anregungen der Projektpartner zu einer Schärfung der eigenen Konzepte beitragen sollten: dies alles mit der Perspektive, einen Prozess des Zusammenwachsens oder Zusammenfügens fördern.
Es ist nicht verwunderlich, dass im Rahmen des Projektes gleichzeitig die Schwierigkeiten der Integration sichtbar wurden. So blieben im Grunde die drei Partnerorganisationen auch drei in sich geschlossene Gruppen. Es fand vielfältiger Austausch statt, wir besuchten uns wechselseitig und demonstrierten unsere Arbeit, jedoch ohne dass es zu einer nennenswerten Diffusion oder wechselseitigen Befruchtung kam.
Bevor ich diese Gedanken auf der Ebene eigener Erinnerungen und subjektiver Erfahrungen weiter ausführe, möchte ich kurz die drei Partner skizzieren, die im Projektrahmen eine Beziehung eingehen mussten, Brücken schlagen wollten und eine Annäherung versuchten, die eine Auseinandersetzung mit Fremdheit ermöglichen sollte.
„There is a crack in everything, that`s how the light get`s in“
In den durch die Europäische Union finanzierten Projekten der „Gemeinschaftsinitiative Beschäftigung“ zu denen „TeRoMar“ zählte, war die Zusammenarbeit mit zwei weiteren Partnern aus unterschiedlichen EU-Mitgliedsstaaten eine zwingende Voraussetzung. Diese Partner mussten mit Hilfe einer Datenbank möglichst passgenau identifiziert werden, was allerdings in der Realität Schwierigkeiten beim „Matching“ nach sich zog. Insofern trafen auch aufgrund der jeweils besonderen rechtlichen und pädagogischen Rahmungen in Spanien, Italien und Deutschland in unserem Projekt drei recht unterschiedliche Gruppen aufeinander, alle verbunden über den Auftrag, ihre jeweiligen nationalen Konzepte zur Berufsqualifizierung für benachteiligte junge Menschen während der Austauschmaßnahmen möglichst praxisnah vorzustellen und dergestalt Möglichkeiten eines Innovationstransfers zu den Partnern zu eröffnen.
Zu diesen gehörte ein Gemeinwesen-Projekt aus der Nähe von Puerto de la Cruz auf Teneriffa, das drogenabhängige und benachteiligte Jugendliche als Zielgruppe adressierte. Für sie wurden Lernprogramme und Hilfen zur Integration in den Beruf entwickelt.
Der italienische Partner war ein großer landesweit tätiger Behinderten-Verband mit Sitz in Rom, der es arbeitslosen jungen Menschen, Langzeitarbeitslosen und Beeinträchtigten ermöglichte, an Qualifizierungs- und Arbeitsprojekten teil zu nehmen.
Der bsj Marburg befasste sich als Jugendhilfeträger mit der beruflichen und sozialen Integration jugendlicher Migrant_innen im Landkreis Marburg-Biedenkopf und wollte einen Beitrag zur Fremdheitskompetenz von Lehrerinnen und Lehrer und sozialpädagogischem Fachpersonal leisten. Dazu wurden Förderprojekte für jugendliche Migrant_innen in allgemeinbildenden und beruflichen Schulen konzipiert und umgesetzt.
Drei Länder, drei Organisationen, drei Zielgruppen, die absolut unterschiedlich waren. Die Klammer bildete neben der Struktur des EU-Programms der gemeinsame Auftrag. Die Vertreter_innen der drei Organisationen planten gemeinsame Veranstaltungen, demonstrierten wechselseitig ihre Arbeitsansätze, diskutierten und bemühten sich, trotz sprachlicher Hemmnisse zu möglichst wenig Missverständnissen beizutragen.
Der fremde Blick blieb jedoch immer erhalten. Mich erinnerten die Treffen an Verwandtenbesuche in der Kindheit: Das Benehmen war vorbildlich, die Rosinenseiten wurden präsentiert, das beste Geschirr und das Silberbesteck standen auf dem Tisch und die repräsentativste Kleidung verließ ausnahmsweise den Kleiderschrank. Die Demonstration der Schokoladenseiten zeichnete ein Bild, das den Alltag glanzvoll überdeckte, wenngleich die tragenden Werte und die kulturelle Prägung umso deutlicher in Erscheinung traten. Mit Leonhard Cohen könnte man sagen: „There is a crack in everything, that`s how the light get`s in“.
Von allen drei beteiligten Gruppen wurde jeweils der Versuch unternommen, die idealtypische Sehnsuchtssicht auf sich selbst zu inszenieren. Dieses Verhalten führte zu wechselseitigen Bekundungen von Dankbarkeit, Respekt und Bewunderung. Zwangsläufig entstand jedoch nur selten eine Atmosphäre wirklichen Verstehens, Nähe oder eine veränderungsbereite Haltung. Stattdessen war das Erleben eines doppelten Fremdheitsgefühls die Folge. Die eigene Überhöhung verhinderte den Kontakt zum anderen und führte gleichzeitig zu einer Distanz nach innen bzw. zu einem Spannungsverhältnis mit sich selbst. Insofern präsentierten wir uns selbst eindeutiger und widerspruchsfreier, als es der berufliche Alltag hergab. Wahrscheinlich galt dieses Verhalten auch für die anderen beiden Gruppen. Auf jeden Fall wurde die Wahrnehmung des jeweils Anderen polarer.
Im Folgenden möchte ich, mich an einem Konzept des Hallenser Pädagogen Werner orientierend, diese Unterschiede pointieren2. Helsper arbeitet konstitutive, nicht aufhebbare Antinomien des pädagogischen Handelns in der Moderne heraus. Diese Antinomien, die Helsper als widersprüchliche Erwartungen unterschiedlicher Akteure an pädagogisches Handeln beschreibt, bestehen seiner Ansicht nach u.a. zwischen den Polen Nähe und Distanz, Organisation und Interaktion, Autonomie und Zwang sowie den vielfältigen Spannungen, die sich aus der kulturellen Pluralisierung der Gegenwart ergeben. Wie in einem Magnetfeld verlaufen quasi Feldlinien zwischen den genannten Polen. Pädagog_innen haben in diesem Kraftfeld die Aufgabe, sich zwischen den Widersprüchen flexibel zu bewegen, ohne die Gewissheit, dass ihr Handeln auch zuverlässig zu der gewünschten Entwicklungsrichtung beim Kind oder Jugendlichen führt. Wenngleich sich Pädagog_innen zwischen allen Antinomien bewegen, scheint mir rückblickend im Rahmen des Projektes bei jedem Partner der Schwerpunkt des demonstrierten erzieherischen Handelns auf einem der Spannungsfelder zu liegen. Innerhalb dieses Schwerpunktes wird jeweils der Widerspruch durch die Überbetonung einer Seite vermieden. Diesen Gedanken möchte ich im Weiteren nachgehen.
Te-neriffa: Die Mutter
Spannungsfeld Nähe - Distanz
Bei unserem Austauschworkshop auf Teneriffa ist für den ersten Tag um 9.00 Uhr ein erstes Treffen mit den Mitarbeitenden des Gemeinwesen-Projektes und den von dort betreuten Jugendlichen angesetzt. Meine bsj-Kollegen und ich sind bereits gegen 8.45 Uhr am vorgegebenen Ort, um festzustellen, dass der Treffpunkt nicht klar genug beschrieben worden ist. Wir sollen an der Playa de las Teresitas sein, ein recht langer und ausgesprochen schöner Sandstrand in der Nähe der Inselhauptstadt Santa Cruz. Nach manchem auf und ab gelaufenem Kilometer, bei dem Ausschau nach den neuen Kooperationspartnern gehalten wurde, um nicht gleich das erste Treffen durch unsere Unachtsamkeit zu gefährden, steigt langsam die Aufregung. Gegen 10.30 erblicken wir einzelne Jugendliche, die u.E. nach dem Bild der Zielgruppe entsprechen. Trotz sprachlicher Hürden verfestigt sich der Eindruck, dass es sich um Jugendliche des Projekts handeln könnte. Gegen 11.00 treffen die Pädagog_innen ein. Nach einer freundlichen und überschwänglichen Begrüßung passiert jedoch zunächst nicht so viel, da die beiden Pädagog_innen zunächst intensiv in den Kontakt mit „ihren“ Jugendlichen gehen, Rückenmassage eingeschlossen. Irritiert warten wir ab, was weiter passieren wird. Der Rest des Tages wird mit unterschiedlichen Spielen am Strand verbracht, ein hervorragendes Essen inbegriffen. Es macht allen viel Spaß, was der konzeptionelle Ansatz in der Arbeit mit den Jugendlichen sein soll, erschließt sich uns aber weder an diesem Tag noch auf der eindrucksvollen gemeinsamen Wanderung im Anaga-Gebirge, die erneut mit einem fulminanten Essen abschließt oder bei anderen Gelegenheiten.
Viele banal erscheinende Vorurteile liegen anhand dieser Schilderung direkt auf der Hand. Die Spanier zeichneten sich durch einen entspannten Umgang mit Vereinbarungen, eine gewisse Unzuverlässigkeit, Flexibilität und Improvisationstalent aus. Der Umgang mit den Jugendlichen und uns war frei von Schuldgefühlen oder Vorwürfen, sondern gekennzeichnet von Herzlichkeit und Großzügigkeit. Zwischen den Pädagog_innen und den Jugendlichen konnten wir ein Vertrauen und eine Sensibilität beobachten, die in meiner Erinnerung den deutlichsten Ausdruck in der Rückenmassage fand, die die Pädagogin einem Jugendlichen zuteilwerden ließ. Diese Szene ist mir deshalb intensiv in Erinnerung, da sie deutschen Vorstellungen von Professionalität doch enorm widersprach und insbesondere aufgrund der körperlichen Nähe aber auch aufgrund der Vertraulichkeit in Deutschland wahrscheinlich wenigstens ein Gespräch mit der Leitung nach sich gezogen hätte.
Erinnert hat mich die pädagogische Haltung insgesamt an Ausführungen von Kerschensteiner vom Anfang des 20. Jahrhunderts, der vom pädagogischen Eros sprach, einer nicht begehrenden Liebe, sondern einer „hebenden“ Liebe zum „Ideal des Kindes“ (Nohl 1988, S. 171). Sein pädagogisches Ideal bestand darin, die Trennung von Privat und Beruf aufzuheben und ständig im eher affektiven Einsatz für das Kind da zu sein. Professionelle Gedanken und Orientierungspunkte wie Neutralität, Kompetenzen, Distanzierung von einer möglichen (Ersatz-)Elternrolle und auch dem Respektieren der persönlichen Work-Live-Balance des Erziehenden waren dabei ausgeblendet.
Diese von Nähe bestimmten Szenen konfrontierten mich mit der Frage, wie sehr in Deutschland unter professioneller Pädagogik vorrangig die Wahrung von Distanz verstanden wird. Wenn dem so wäre, könnte daraus folgen, dass Autonomie zu Gleichgültigkeit, Abstinenz zu Kälte oder Ganzheitlichkeit zu Rollenförmigkeit verdorrt. Wenn in jedem Körperkontakt der Verdacht auf Übergriffigkeit mitschwingt, spielt Misstrauen zunehmend beim Kind und beim Erziehenden eine Rolle. In der Konfrontation mit der möglicherweise vormodernen Beziehungsgestaltung auf Teneriffa klang bei mir eine Sehnsucht an nach einer entlasteten, intuitiven und vertrauensvollen Beziehungsgestaltung.
Ro-m: Der Herrscher
Spannungsfeld Organisation - Interaktion
Drei charakteristische Szenen erinnere ich, wenn ich an die Zusammenarbeit mit den römischen Kollegen denke (Gendern ist an dieser Stelle nicht korrekt).
1. Formale, förmliche Treffen mit den wichtigsten Personen des Verbands in Form von Podiumsgesprächen, Empfängen oder Essen. Meine Kollegen werden plötzlich zu Doktoren und Präsidenten.
2. Präsentation von sportlichen Highlights in einer wunderbaren Stadien- und Parklandschaft. Bogenschießen, Drachenbootfahren u.a. können ausprobiert werden.
3. Zum Ende des Projekts, beim unserem letzten Besuch wird unser Kommen schlichtweg vergessen und ein Austauschprogramm mit uns ist nicht vorgesehen. Offizielle Vertreter des bsj waren ohnehin nicht vorgesehen, angemeldet waren ja auch nur die Praktiker. Schnell wird wenigstens noch ein gemeinsames Essen für den letzten Abend unseres Aufenthaltes in der ewigen Stadt organisiert. Hier will ich die letzte Chance zur Umsetzung meines persönlichen Ziels endlich erreichen: einmal in den drei Jahren unserer Austauschtreffen zu spät zu kommen. Trotz meiner Verspätung von einer Stunde, bin ich wieder die Erste. Ein Stau hatte die Ankunft der anderen verzögert.
Es klingt fast etwas zu stereotyp, aber Frauen kamen in unserer Zusammenarbeit mit den Römern nicht vor. Vielleicht kann sogar von einem strukturgebenden Prinzip männlicher Prägung gesprochen werden: dominant, kultiviert, selbstbewusst. Die römischen Kollegen wussten, wo es lang geht und übernahmen die Führung. Es wurde uns immer etwas geboten. Die Treffen waren geprägt von Selbstinszenierungen, in denen auch wir dann folgerichtig überhöht wurden. Es war jeweils ein Spektakel mit Unterhaltungswert, bei dem jedoch immer klar blieb, wer welche Rolle und hierarchische Position innehatte.
Das verlangte dann ein ebenso rollenförmiges Verhalten von uns. Z.B. wurden im Rahmen der Treffen in Rom verschiedentlich Veranstaltungen, die sich an eine breitere Öffentlichkeit richteten oder Podiumsdiskussionen durchgeführt. Die Autoritäten saßen auf der Bühne und das „Volk“ hörte zu. Fand ich mich überraschend im Scheinwerferlicht auf der Bühne wieder, fremdelte ich etwas mit dem Setting. Für einen gelungenen und souveränen öffentlichen Auftritt in einer fremden Sprache wäre mir Vorbereitung recht gewesen. Ich hätte eine vorherige Information oder Absprache erwartet, aber keinen spontanen und kurzfristig anberaumten Auftritt. Sicherlich wären die römischen Partner von dieser Sichtweise überrascht gewesen. Sie erwarteten wahrscheinlich von mir in meiner Rolle als Projektleitung, jederzeit eine Sicherheit im Umgang mit der Situation, den erforderlichen Ritualen und Floskeln sowie eine inhaltliche Sattelfestigkeit. Sich dem Termin zu entziehen oder etwas Vorbereitungszeit auszuhandeln wäre für sie überraschend und wahrscheinlich auch unhöflich, ein Affront und respektlos gewesen.
Es entstand eine Art bürokratischer Einengung bei diesen förmlichen Terminen. Gleichzeitig wurde der Eigenwille und die Eigengesetzlichkeit von Interaktionen in die Freizeit verlagert und konnte so die Organisation nicht irritieren. So nahmen wir beispielsweise an genussvollen Essen an grandiosen Orten teil, genossen ein umfangreiches Tourismusprogramm und hatten – für deutsche Verhältnisse – recht viel Freizeit.
Das Fehlen eines höherrangigen offiziellen Rollenträgers des bsj beim letzten – bereits mehrere Monate zuvor terminierten – Austauschtreffen in Rom, machte diese Zusammenkunft aus Sicht der römischen Gastgeber offensichtlich weniger bedeutsam. So geriet das verabredete Treffen bei Ihnen völlig in Vergessenheit und unsere für die Römer offensichtlich überraschende plötzliche Anwesenheit vor Ort zog nur wenig Betroffenheit oder Scham nach sich. Fast fühlte ich mich selbst als Schuldige der Farce, als Zumutung, obwohl natürlich das Unvorbereitet-Sein der Römer der eigentliche Fauxpas war. Dass es die Notwendigkeit oder Erwartung unsererseits geben könnte, aus Respekt vor der deutschen Delegation und unserem Aufwand, zumindest aber der Anforderungen und Richtlinien der zugrunde liegenden EU-Finanzierung, kurzfristig ein abschließendes Auswertungstreffen zu organisieren, erschien den Verantwortlichen unseres römischen Partners als die eigentliche Zumutung. Um uns nicht völlig unverrichteter Dinge stehen zu lassen, wurden schnell einige Jugendliche zusammengetrommelt, die bereits an vorherigen Austauschtreffen beteiligt waren und die sich formal auf derselben Ebene wie wir deutschen Besucher befanden. Trotz alledem: Wir haben das gemeinsame Essen in der römischen Altstadt genossen.
Diese hier umrissene Orientierung an formalen Hierarchien und Strukturen hat einige mehr oder weniger nützliche Effekte. Sie entlastet von Entscheidungen, ist routinisierbar, spart Zeit und gibt Handlungssicherheit. Sie verhindert Offenheit, Überraschungen und das Wachstum neuer Ideen. Dieses Setting ermöglichte mir eine Erfahrung, die ich glücklicherweise andernorts selten mache: Ich wurde auf die Rolle reduziert, die ich repräsentierte. Da ein Aushandlungsprozess bezüglich der Muss-, Soll-, Kann-Erwartungen nicht stattfinden konnte, entstand ein Unsicherheit auslösendes Vakuum, da eine gewisse Verbindlichkeit in den Verhaltenserwartungen liegt, deren Verletzung einen unbekannten Schaden nach sich hätte ziehen können. Wenn es klare Rollen gibt, dann gibt es auch die Möglichkeit „aus der Rolle zu fallen“. Interessanterweise nutzen meine deutschen Kolleg_innen und ich immer mal wieder die Möglichkeit des Aufbegehrens gegen die zu enge und unserer Persönlichkeit nicht immer Rechnung tragende Festlegung durch kleine kathartische Ausbrüche. Mein bereits oben erwähntes Ziel, einmal während der Austauschperiode zu spät zu kommen, könnte als Beispiel dafür gedeutet werden.
Mar-burg: Der Eremit
Spannungsfeld Autonomie - Zwang
Ab 7.30 findet das Frühstück statt und um 9.00 Uhr geht es los. Die Gruppe Jugendlicher aus Rom und Teneriffa ist im Wald-Camp irgendwo in Oberhessen untergebracht und nimmt an einem Adventure Based Counseling (ABC) Workshop teil, der für 5 Tage von 9.00 bis 18.00 geplant ist. An einem Nachmittag geht es dann aber doch – außerplanmäßig – nach Marburg. Uns ist wichtig, dass in einem Austauschmeeting endlich mal das Konzeptionelle in den Mittelpunkt rückt und das wollen wir auch deutlich machen. Bei den Kooperationspartnern wurden wir unterhalten, bei uns soll inhaltlich stringent gearbeitet und darüber nachgedacht werden, wie das von uns entwickelte Konzept in den anderen Ländern anwendbar ist. Es gibt Workshop-Einheiten, in denen wir die Umsetzung des Konzepts in unseren eigenen Arbeitszusammenhängen vorstellen. Natürlich gibt es für die ausländischen Gäste aber auch Selbsterfahrung bei der exemplarischen Durchführung der Aktionen, die jeweils im Anschluss im Kreis aller Teilnehmer_innen stehend reflektiert werden. Kritisches Feedback in Richtung der Gruppe, einzelner Gruppenmitglieder oder gegenüber sich selbst ist überaus erwünscht und notwendiger Bestandteil des Entwicklungsprozesses, wie er in einem ABC-Workshop generell angestrebt wird.
Mit diesem Angebot entsprachen wir dem Vorurteil, dass Deutschland vor allem das Land der Arbeit, Disziplin und Effizienz sei, vollkommen. Ganz nach dem Motto „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, verfolgten wir täglich einen recht genauen Zeitplan. Der Veranstaltungsort ließ ohnehin keine abendlichen Feiern zu. So konnten alle auch früh aufstehen.
Eine gewisse Überheblichkeit, mit der wir annahmen, es könnte hilfreich sein, in recht dogmatischer und disziplinierender Weise für einen Wissenstransfer zu sorgen, lässt sich nicht abstreiten. Das dahinter liegende Motiv war jedoch eher eine Beflissenheit, mit der unsere Erkenntnisse in die Welt getragen werden sollten.
Die von uns gesetzten Vorgaben bezüglich des Workshop-Rahmens hatten eine ambivalente pädagogische Zielsetzung. Einerseits sollen Vorgaben die Jugendlichen befähigen, sich in dem gesteckten Rahmen eigenverantwortlich zu verhalten. Andererseits ist der Erwerb von Kritikfähigkeit ein Motor. Dieser Antrieb ermöglichte den Jugendlichen eine konstruktive, auf Aushandlungsprozessen basierende Auseinandersetzung mit den Grenzen und auch mit den Pädagog_innen. Gegebenenfalls wird ein Freiraum errungen, der eine Gestaltung bzw. Verschiebung der Grenzen zu lässt.
Insofern bietet sich das ABC-Konzept als Entwicklungslabor an, in dem die/der Einzelne und die Gruppe an sich, immer wieder mit „Als-/Ob-Handlungen“ konfrontiert wird. Die Individuen setzen sich mit Verhalten auseinander, welches noch nicht gekonnt ist, sondern erst eingeübt werden muss. Der/die Pädagog_in entscheidet über die Wichtigkeit des Erwerbs eines bestimmten Verhaltens oder einer persönlichen Entwicklung. Auf der hypothetischen Grundlage wird ein Angebot ausgewählt, welches die Jugendlichen auffordert, ein Verhalten zu zeigen, das sie selber noch beherrschen, welches dann aber, wenn es gelernt ist, zur Autonomieentwicklung des Einzelnen beiträgt: eine paradoxe Situation, in der Disziplinierung zur Freiheit führen soll.
Diese eigentümliche Konstruktion wird beispielhaft deutlich in unserem Umgang mit Bedenken und skeptischen Überlegungen. Kritisches und offenes Feedback ist ein integrativer Bestandteil des pädagogischen Konzepts. Dass die Teilnehmenden jedoch aus Kulturen kamen, in denen niemand kritisiert wird, den man mag oder mit dem man zusammenarbeitet, geriet dabei aus dem Blick. Vielleicht war an dieser Stelle die kulturelle Hürde zu hoch. Das heißt, dass dieser überaus förderliche Ansatz, gleichzeitig den Blick darauf verstellen kann, was die Teilnehmenden eigentlich interessiert hätte. So hatten sich die Jugendlichen aus Teneriffa noch nie jenseits der Insel aufgehalten und kannten keine Züge. Vielleicht wäre es für Ihre Entwicklung bedeutsamer gewesen, das autonome Bewegen mit der Bahn in Hessen zu erleben. Vielleicht wäre es auch für sie lustig gewesen, denn so hätten sie auch erleben können, dass in Deutschland nicht alles nach Plan läuft.
Bilanz: Der Zauberer
Spannungsfeld kulturelle Pluralisierung
Bei einem abschließenden bilanzierenden Blick möchte ich die eingangs erwähnte vierte Antinomie von Helsper in Erinnerung rufen, die kulturelle Pluralisierung. Mehr als 20 Jahre nach der Durchführung des Projekts „TeRoMar“, nach vielfältigen Inklusionsbemühungen auf Bundes- oder Landesebene und der sogenannten Flüchtlingswelle ist deutlich, dass die traditionellen Lebensformen einer andauernden und grundsätzlicheren Veränderung unterworfen sind, als es Ende des letzten Jahrhunderts abzusehen war. Werte, Wissen und Weltanschauungen sind einem immer schnelleren Alterungsprozess unterworfen. Auch oder gerade pädagogische Vorstellungen müssen ständig neu in Frage gestellt werden. Helsper führt dazu aus: „Beruflich handelnde Pädagog_innen können Kinder und Jugendliche .... zusehends weniger auf bestimmte Werte, Lebensformen oder -Prinzipien verpflichten, die prinzipiell begründungsbedürftig sind.“ (Helsper 2012, 23) Immer wichtiger wird die Person des Erziehenden, die/der sich einer Diskussion stellt, ohne sofort die richtige Antwort zu wissen. Diese Position ist einsamer geworden, denn die Haltekraft einer gesellschaftlich oder einer religiös geteilten Wertebasis ist abhanden gekommen. Vielleicht kann Hannah Arendt dabei helfen, mit diesem Dilemma umzugehen: „Ich war immer der Meinung, dass man so zu denken anfangen müsste, als wenn niemand zuvor gedacht hätte. Und dann beginnen sollte, von den anderen zu lernen“. Im „Denken ohne Geländer“ sah Arendt eine Möglichkeit zur gewaltfreien Revolution, um das Glück der Einzelnen und der Gesellschaft zu erreichen.
Dieses freie Denken ist zusammen mit dem Lernen von Anderen die zentrale Herausforderung an die pädagogisch Handelnden. Es braucht Mut, sich der Kraft des Magnetfelds der aufgeführten Widersprüchlichkeiten auszusetzten, um in diesen dann kontextsensibel und dialektisch zu navigieren. Flexibilität und Ambiguitätstoleranz bei gleichzeitiger Souveränität und Autonomie sind die Eigenschaften, die Erziehende heute immer wieder erstreiten und mit Lebendigkeit füllen sollten. Im Idealfall können sie dies im Rahmen einer Organisation, die genau diese Haltung von ihren Mitarbeitenden erwartet, unterstützt, fördert und selber strukturell lebt oder im Rahmen interkultureller Begegnungen erfahren. Das Motto könnte dann lauten: unter einem bunten Dach in die Schuhe des Anderen schlüpfen und gleichzeitig einen Arsch in der Hose haben.
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1 Monika Eckern, Diplompsychologin, war von 1996 bis 2020 in unterschiedlichen Funktionen im bsj Marburg beschäftigt, u.a. als Projektmitarbeiterin im Bundesmodellprojekt „Rad(t)schlag“, als Projektleiterin in dem in diesem Beitrag beschriebenen EU-Modellvorhaben (1997-1999) und zuletzt bis zu ihrem Ausscheiden als Leiterin der bsj-Fortbildungsabteilung.
2 Werner Helsper: Pädagogisches Handeln in den Antinomien der Moderne, in: Krüger, H.-H./Helsper, W. (Hrsg.): Einführung in Grundbegriffe und Grundfragen der Erziehungswissenschaft, 9.Auflage, Opladen & Farmington Hills 2012, S. 15-34
Literatur
- Hannah Arendt: Denken ohne Geländer, Stadler, 2006
- Werner Helsper: Pädagogisches Handeln in den Antinomien der Moderne, in: Krüger, H.-H./Helsper, W. (Hrsg.): Einführung in Grundbegriffe und Grundfragen der Erziehungswissenschaft, 9.Auflage, Budrich Verlag 2012, S. 15-34
- Hermann Nohl: Die pädagogische Bewegung und ihre Theorie, Hugendubel, 1988
- Christian Roesler, Das Archetype
