80 Betten in Holzhütten, direkt am Wald gelegen, nicht allzu weit vom Hauptsitz des Vereins und seinen Kooperationspartner*innen entfernt – dies schien dem bsj eine angemessene Stätte für seine abenteuerpädagogische, außerschulische Bildungsarbeit zu sein und man wurde nach der Übernahme des Zerum’s in Ueckermünde zum Träger einer zweiten Bildungsstätte.
Mit der Konzeption eines außerschulischen Lernortes baute man in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Marburg-Biedenkopf und der Stadt Gladenbach zahlreiche Schulkooperationen auf, bildete viele Lehrer und soziale Fachkräfte im Bereich der Abenteuerpädagogik fort und ermöglichte unzähligen Schulklassen eine außerschulisch betreute Gruppenerfahrung. Für viele Schulen wurden diesen Maßnahmen im Laufe der Jahre, insbesondere in den Jahrgangsstufen 5 und 7, zum festen Bestandteil des Schulcurriculums.
Neben den betreuten Gruppenaufenthalten mit Vollverpflegung bietet das naturnahe Gelände besonders auch Selbstversorgergruppen einzigartige Möglichkeiten, Seminare und Ferienangebote in Eigenregie durchzuführen. Die zentrale Feuerstelle wurde hierbei von Anfang an zu einem Ort der Begegnung und des Austauschs der Gäste. Dabei soll vor allem Gruppen mit geringem Budget eine attraktive und möglichst “aneignungsfreundliche” Unterkunft geboten werden. Es besteht ein großer Gestaltungsspielraum und viele Nutzungsmöglichkeiten werden individuell ermöglicht.
Das Entwicklungspotential einerseits und der Gestaltungbedarf andererseits wurden auch für die Mitarbeiter*innen des bsj zum Dreh- und Angelpunkt der Arbeit in Weidenhausen.
Zu Anfang stellten sich durchaus große Herausforderungen bei der Erstellung einer geeigneten und angepassten Infrastruktur. Es fehlten brauchbare Heizungen, Aufenthaltsräume, Büros und Materialräume. Die Lüftungsanlagen, die Küche und Sanitätsräume sowie Fenster und Betten mussten saniert werden. Darüber hinaus fehlten Übernachtungskapazitäten und Badezimmer für Leitungspersonen.
Diese Standortbedingungen waren jedoch gleichzeitig der Katalysator umfangreicher und erfinderischer Entwicklungs-, Ausbau -, und Gestaltungsprozesse, die zu einer Art von Markenzeichen des Ortes wurden. Viele Vernetzungen und projektübergreifendes Denken und Handeln wurden entwickelt und aufgebaut.
So war es zunächst die Ansiedlung zweier Projekte in Kooperation mit dem Arbeitsamt und anderen Jugendhilfeträgern, die direkt zu Anfang die Möglichkeit schuf, ca. 45 arbeitslose Jugendliche handwerklich zu qualifizieren. Die jungen Menschen bauten zwei komplette große Holzhäuser und schufen somit Aufenthaltsräume sowie Übernachtungskapazitäten für Leitungspersonen.*
Parallel wurde das Gelände zum Zuhause zahlreicher arbeitsmarkpolitischer Maßnahmen (BSHG, AGL), die sonst nur bei großen Bildungsträgern in Städten durchgeführt wurden. Ein Team von bis zu 9 Personen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen unterstützte die gemeinnützige Bildungsarbeit des Ortes nicht nur im Hauswirtschafts- und Hausmeisterbereich. Auch die pädagogischen Angebote wurden von den “Mitarbeiter*innen auf Zeit” u.a. durch besondere fachliche Kompetenzen aufgewertet. Im Rahmen von Ferienmaßnahmen wurden beispielsweise Seifenkistenbauer*innen beim Schweißen von wichtigen Bauteilen wie der Bremsen begleitet oder es waren die Arbeitsgruppen der örtlichen Förderschule, die im gemeinsam angelegten Schulgartens vom Vorwissen und vom “grünen Daumen” eines Hausmeisters profitierten.
Den meisten jener Mitarbeiter*innen konnte eine wohnortnahe Anbindung an eine “sinnvoll-empfundene” Arbeit angeboten werden, die eine soziale Einbindung und neue Begegnungen ermöglichte. Ein Einsatz in ökonomisierten Arbeitsprozessen hätte es nicht ermöglicht, diesen Menschen notwendige Brücken zu bauen und individuelle Lösungen für vorhandene Schwierigkeiten zu finden.
In seiner pädagogischen Ausrichtung und in der Umsetzung der Angebote war man an der Bildungsstätte stets bemüht, nicht auf standardisierte Pauschalangebote zurückzugreifen. Stattdessen wurden in unterschiedlichsten Zusammenhängen passgenaue Angebote entwickelt.
In Kooperation mit dem Landkreis wurden zum Beispiel Freizeitangebote für Kinder entwickelt, die über den allgemeinen sozialen Dienst betreut werden. Diesen Kindern galt es attraktive persönlichkeitswirksame und abenteuerliche Freizeiten anzubieten, da sie aus vielerlei Gründen nicht an den regulären Freizeiten teilnehmen konnten. Die Infrastruktur der Bildungsstätte ermöglicht es, seit 25 Jahren spannende Ferienangebote qualifiziert betreut, kostengünstig und wohnortnah umzusetzen.
Auch in der Krisensituation der Jahre 2015/ 2016 konnte der bsj durch seine Bildungsstätte kurzfristig im Landkreis unterstützen. Über 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge erhielten in Weidenhausen nicht nur Unterkunft und Verpflegung, sie wurden darüber hinaus umfangreich pädagogisch betreut und gefördert.
Ein letztes Beispiel bezieht sich schließlich auf die inklusiven Bemühungen der Einrichtung. Bereits früh wurden Kooperationen mit lokalen Trägern der Eingliederungshilfe entwickelt und gezielt wurde ein Begegnungsort aufgebaut, an dem sich Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung begegnen können. Darüber hinaus werden unter der Beteiligung der Fachkräfte, sowohl der Eingliederungshilfe als auch der Jugendarbeit, inklusive Ferienangebote durchgeführt. Die im Herbst mehrmalig durchgeführte Seifenkistenbauprojekte mit einem abschließenden öffentlichen Seifenkistenrennen waren für eine Beteiligten nachhaltige Beispiele einer gelungen inklusiven Umsetzung.
* Eine notwendige und weitreichende Sanierung der gesamten Anlage und Gebäude, die eine ganzjährige Nutzung der Kapazitäten möglich machte, konnte in den Jahren 2008 und 2009 vor allem durch die umfangreiche Unterstützung des Landes Hessen umgesetzt werden.
