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40 Türchen

Zum Jubiläum öffnet der bsj Marburg mit 40 Türchen Ihnen und Euch vielfältige Einblicke in die Praxis des Vereins. Im Laufe des Jahres kommen stets neue Geschichten dazu.

Viel Freude beim Stöbern!

Europäische Fachkräftefortbildungen

Infolge einer steigenden Jugendarbeitslosigkeit in Europa, aber insbesondere auch im Zuge der Veröffentlichungen internationaler Schülervergleichsstudien wurde zu Anfang des neuen Jahrtausends über die jeweiligen Landesgrenzen hinweg eine breite öffentliche Debatte über Bildung angestoßen.

In dieser Debatte wurde auch gefragt, welche anderen Modi von Bildung - neben der Schule als dem zentralen Ort einer wissens-vermittelnden Bildungsinstitution - für die Lernprozesse der lernenden Subjekte wesentlich sind. Dabei rücken immer stärker non-formale und informelle Modalitäten und Orte der Bildung von Kindern und Jugendlichen in den Vordergrund.

In diesem Zusammenhang suchte die italienische Agentur “Tecla” nach Projektpartner*innen, die erfahrungsbezogenen Lernmethoden bei der Förderung von benachteiligten Jugendlichen am Übergang von der Schule in den Beruf umsetzten und hierzu Fachkräftefortbildungen durchführen konnten. So lag es irgendwie nahe, dass schließlich ein Kontakt mit dem bsj entstand. Der Verein war bereits durch das mitgegründete Institut EOE in Europa bestens vernetzt, führte langjährig Fachkräfteschulungen durch und war Träger einiger Projekte im Kontext der Kooperation von Jugendhilfe und Schule sowie berufsorientierter Bildungsmaßnahmen.

Mit Initiativen aus Frankreich, Litauen, Polen und Bulgarien wurde das erste Projekt “The Next Step” (Projektlaufzeit von 2004-bis 2006) über das europäische Förderprogramm „Leonardo das Vinci“ umgesetzt. Unter dem Dach der Förderung von „Lifelong Learning Programme“ finanziert folgten zwei weitere Projekte („Esprit“ 2007-2009 und „Oltre“ 2009-2011), deren Partner neben dem bsj- hauptsächlich aus Italien aber auch aus England und Litauen kamen.

In den ersten Treffen legte man Arbeitsteilungen fest und stimmte die inhaltlichen Ausrichtungen der geplanten Schulungen fest. Der bsj erstellte in jedem der Projekte Handbücher zu gesellschaftstheoretischen und pädagogischen Hintergründen sowie zur methodischen Umsetzung. Durchführende Fortbildungsträger kamen neben dem bsj aus Frankreich, Italien und England. Gleichzeitig legten die kooperierenden Fachkräfte der “Empfängerländer” einen detaillierten Projektablauf vor Ort fest. (Polen, Litauen, Bulgarien und Italien) Dies implizierte u.a. Teilnehmergewinnung, Einstiegs-Fragebögen, Vortreffen, Evaluierung und Implementierungsdokumentationen.

Gemeinsam war allen Einsatzorten, dass die jeweils beteiligten Fachkräfte bisher nicht darin geschult waren, prozessorientiert, erfahrungsbezogen und moderierend vorzugehen. Das Selbstverständnis war durchweg ein rein “vermittelndes“. Vorhandene Aneignungsbedürfnisse und Interessen der Jugendlichen wurden nirgends zum Ausgangspunkt von Bildungsprozessen genutzt. Dementsprechend wurde in den Projektzielen festgehalten, dass eine sozialpädagogische Arbeit mit Jugendlichen, die besonders schwierige (Bildungs-) Biografien aufweisen, sich nicht allein auf einen Normalisierungs-auftrag und auf eine Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen reduzieren kann. Stattdessen galt es körper- und gefühlsbetonten Lebensformen Rechnung zu tragen, an Stärken und Ressourcen anzusetzen und die Reflexion eigener Erfahrungen in Gang zu setzen. Abenteuer- und Outdooraktivitäten bieten hierfür hervorragende Ansatzpunkte.
Die Planung und Durchführung der europäischen Seminare lassen sich als eine intensive Form des hypothesengeleitenden Handelns interpretieren. Basierend auf erhobene Vorinformationen und einzelnen Begegnungen wurde ein Vorgehen gewählt, dass dann –fast erwartungsgemäß- häufig neu justiert werden musste.

Teilweise kannte man die kulturellen und institutionellen Ausgangslagen von Ländern wir Bulgarien und Litauen kaum. Es entstand die Frage, ob und wie ein methodisches Vorgehen übertragbar war auf die jeweiligen Kontexte. Auch die Nutzung der Erfahrungsräume musste vor den Hintergrund deren jeweiligen Bedeutsamkeit gestellt werden. Was bedeutet es denn für eine Bulgarin aus Haskovo, einen Felsen zu beklettern? Welche Gruppenerfahrungen machen junge Fachkräfte in Telsia/ Litauen und welche Herausforderung stellt es für italienische Städter*innen dar, eine Woche unter einfachen Bedingungen in einer Unterkunft im Wald verbringen? Darüber hinaus galt es Methoden und Praxisformen zu finden, die längerfristig auf die jeweiligen Arbeitszusammenhänge mit den Jugendlichen übertragbar sein werden.

Sehr schnell erwischt man sich als Anleiter*in dabei, spezifische, teilweise überraschende und einprägsame Gruppenausprägungen in jeweiligen Seminarsituationen kulturspezifisch zu deuten: 
„In Litauen ist man stolz auf seine Landschaft, geht sehr vorsichtig und verbindlich miteinander um und sagt nicht so schnell, was einen stört.“ „In Bulgarien kann man gut streiten, scheut sich nicht davor mal laut zu werden und achtet nicht auf die Zeit, wenn man gerade beschäftigt ist.“ „In Italien muss die Form stimmen: ohne schicke Klamotten und Handy, ohne gutes Essen und Espresso geht gar nichts“. Auch der Umgang mit körperlicher Nähe und Trost in Stresssituationen, z.B. im Klettersteig eines Baumes oder in einer Höhle unterschied sich teilweise stark von gewohnten heimischen Umgangsformen. 
Befreiend war es schließlich aber auch, diese teilweise „schnellen kulturellen Zuschreibungen“ innerhalb der beteiligten Leitungsteams als bedeutungslos bei Seite zu stellen. Die Vielfalt des Handelns, des Umgangs mit Emotionen und des Kommunizierens –egal ob kultur-, gruppen- oder situationsspezifisch -wurden stattdessen als sehr bereichernd erlebt. Letztendlich wurden Merkmale nur im Kontrast spürbar und hielten den “fremden Anleiter*innen” den Spiegel der eigenen bisher meist erlebten Normalität vor Augen. Bestätigt sah man sich schließlich durchgehend darin, dass sich die Idee abenteuerpädagogischen Arbeitens sehr wohl erfolgreich auf unterschiedlichste Zusammenhänge übertragen lässt. Der kontinuierliche Austausch innerhalb der Leitungsteam mit einem hochgradig reflektierten und hypothesengeleitenden Vorgehen ist hierfür eine Grundvoraussetzung.

Trotz eines hohen und festgelegten Anspruchs der Implementierung in den “Empfängerländern”, ist es schwierig, die Erfolge und Verbesserungen für die Jugendlichen durch diese europäischen Projekte zu bemessen. Auch wenn sichtbare Denkanstöße und Haltungsänderungen auf Seiten der Fachkräfte auf den Weg gebracht wurden, muss man darauf vertrauen, dass diese in der Lage sind, unter den jeweiligen institutionellen Rahmenbedingungen nachhaltige Weichenstellungen im Sinne der Jugendlichen auf den Weg zu bringen. Es wird deutlich, dass hierbei alle im gleichen Boot sitzen: Es geht in allen Ländern Europas darum, die strukturellen Rahmenbedingungen für die Bildungsprozesse benachteiligter junger Menschen zu verbessern.