Gerade Jugendliche in herausfordernden Lebenslagen oder mit erschwerten Bildungs- und Teilhabechancen brauchen Zugänge, die nicht ihre Defizite sondern, sondern ihre Stärken sichtbar machen, Selbstvertrauen fördern und Neugier auf eigene Möglichkeiten wecken. Der bsj Marburg nähert sich diesem Feld traditionell über erfahrungsbezogene, handlungsorientierte und persönlichkeitsstärkende Ansätze: Junge Menschen sollen sich ausprobieren, Resonanz erhalten, eigene Fähigkeiten entdecken und darüber schrittweise auch Sicherheit für die Bewältigung herausfordernder Alltagssituationen (z.B. den Einstieg in die Arbeitswelt) erhalten.
Vor diesem Hintergrund war „Komm rein, mach mit!“ ein besonders prägnantes Projekt der frühen Berufsorientierung. Es richtete sich gezielt an Schüler*innen der unteren Bildungsgänge, insbesondere aus Förder-, Haupt- und Realschulen beziehungsweise aus integrativen Lernkontexten. Gerade für diese Zielgruppen ist der Übergang in Ausbildung und Arbeit häufig mit höheren Hürden verbunden – nicht, weil es ihnen an Potenzial fehlen würde, sondern weil Zugänge, Unterstützungssysteme und positive Berufsbilder oft ungleich verteilt sind. Das Projekt setzte deshalb bewusst früh an: bereits in Klasse 7, also zu einem Zeitpunkt, bevor Praktika oder konkrete Bewerbungsanforderungen dominieren. Die Jugendlichen sollten Arbeitsweten nicht als Drohkulisse erleben, sondern als Felder, das man erkunden, verstehen und mit den eigenen Interessen in Beziehung setzen kann.
Getragen wurde das Projekt von der Überzeugung, dass berufliche Orientierung ihre Bedeutsamkeit entfalten kann,, wenn Selbstwirksamkeit und Realitätsbezug zusammenkommen. Genau darin lag die besondere Qualität von „Komm rein, mach mit!“: Der bsj Marburg brachte seine stärkenorientierte, pädagogische und subjektbezogene Perspektive ein; das Berufsbildungszentrum Marburg (BBZ) stand für reale berufliche Handlungsfelder, Werkstätten, Praxisräume und einen unmittelbaren Bezug zu Anforderungen der Arbeitswelt. Diese Verbindung war ausgesprochen produktiv – aber sie war nicht von Anfang an spannungsfrei. Beide Träger mussten sich annähern, unterschiedliche Fachlogiken übersetzen und gemeinsame Formen entwickeln. Wo das BBZ berufsnah, praxislogisch und an konkreten Tätigkeiten orientiert arbeitete, brachte der bsj einen pädagogischen Blick auf Entwicklung, Ermutigung und Kompetenzwahrnehmung ein. Gerade dieses anfängliche Ringen um Sprache, Zielsetzungen und Methoden war aber letztlich eine Stärke des Projekts: Es entstand kein bloß pädagogisch „verkleideter“ Berufsparcours, aber auch kein reduziertes Training beruflicher Abläufe, sondern ein Format, das beides ernst nahm – Bildung und Berufsrealität. Die Durchführung in den Räumen des BBZ ermöglichte dabei authentische Lernsettings in Werkstätten und Praxisfeldern.
„Komm rein, mach mit!“ wurde einmal jährlich für eine Woche durchgeführt und war so angelegt, dass alle Teilnehmenden sich an einem Vormittag in einem selbstgewählten Praxisfeld ausprobieren konnten. Schon diese Wahl war pädagogisch bedeutsam: Nicht Zuweisung, sondern Interesse stand am Anfang. Zugleich erhielten die Teilnehmenden im Vorfeld eine Broschüre, in der alle Türen vorgestellt wurden. So entstanden nicht nur vertiefte Erfahrungen im eigenen Schwerpunkt, sondern auch Einblicke in andere Arbeitsfelder – durch Lektüre, über Mitschüler*innen und im gemeinsamen Abschlussforum, in dem Ergebnisse, Fotos und Eindrücke zusammengeführt wurden. Ergänzt wurde das Ganze durch die sogenannte Stärkeplattform, auf der die Jugendlichen ihre Fähigkeiten reflektieren und in Worte fassen konnten. Berufsorientierung wurde damit nicht auf Anpassung verkürzt, sondern mit Reflexion, Anerkennung und Persönlichkeitsentwicklung verbunden.
Die vier Türen deckten unterschiedliche berufliche Felder ab und waren so angelegt, dass sie konkrete Tätigkeiten erlebbar machten. Hinter „Hand made“ standen handwerklich-technische Arbeitsbereiche wie z.B. Arbeitssicherheit, Elektronik, Metall und Holz. Die Jugendlichen lernten Werkzeuge, Materialien, Arbeitsabläufe und Werkstattatmosphäre kennen, fertigten kleine Werkstücke an. Dabei wurden sie, genau wie in allen anderen Türen, von Praxisanleitern und Auszubildenden des BBZ und einer pädagogischen Fachkraft des bsj Marburg begleitet.
Die Tür „Vorher – Nachher“ eröffnete Zugänge zu den Berufsfeldern Styling, Friseurhandwerk, Mode, Fotografie und Mediengestaltung. Vom Haarewaschen und Frisieren über Make-up, Outfitwahl und Fotoshooting bis zur digitalen Bildbearbeitung konnten die Jugendlichen erleben, dass hinter Schönheit, Inszenierung und Medienbildern konkretes handwerkliches, gestalterisches und technisches Können steckt. Schon damals ging es auch darum, für Bildbearbeitung und damit verbundene manipulierte Abbildung von Schönheitsidealen zu sensibilisieren.
„Der Sterne-Koch“ führte in gastro¬nomische und servicebezogene Berufe ein. Hier ging es um Hygiene, Zubereitung kleiner Speisen, Anrichten, Tischgestaltung und Service – also um Tätigkeiten, die Küche, Hauswirtschaft, Gastlichkeit und Kundenorientierung miteinander verbinden. Auch hier war entscheidend, dass die Jugendlichen nicht nur zuschauten, sondern selbst handelten und Ergebnisse unmittelbar erleben konnten.
Die vierte Tür, zunächst „Mach’s richtig“, später weiterentwickelt zu „Blaulicht & Co!!“, richtete den Blick auf soziale, pflegerische, kommunikative und dienstleistungsbezogene Berufe. Themen wie Kundengespräche, Telefonieren, Erste Hilfe, Hilfen im Alltag und der Umgang mit unterstützungsbedürftigen Menschen machten erfahrbar, dass auch Kommunikation, Empathie, Verantwortungsübernahme und situatives Handeln beruflich hoch relevante Kompetenzen sind.
„Komm rein, mach mit!“ wurde von 2011 bis einschließlich 2017 in sechs Durchgängen durchgeführt und erreichte mit rund 450 Schüler*innen pro Durchführungswoche insgesamt knapp 2.500 Jugendliche aus dem gesamten Landkreis Marburg-Biedenkopf. Das Angebot wurde von zahlreichen Schulen genutzt. Die beteiligten Jugendlichen kamen aus unterschiedlichen Schulformen und aus vielen Kommunen des Landkreises.
Rückblickend zeigt „Komm rein, mach mit!“ sehr klar, worauf der bsj Marburg in der beruflichen Förderung von Jugendlichen Wert legt: auf die Verbindung von Stärkenorientierung, Praxisnähe und pädagogischer Qualität. Zugleich erinnert das Projekt daran, dass gute Kooperationen Zeit, Übersetzungsarbeit und die Bereitschaft brauchen, Differenzen produktiv auszuhalten. Gerade weil das Projekt nicht konfliktfrei war, sondern aus unterschiedlichen professionellen Kulturen heraus gemeinsam entwickelt werden musste, war es fachlich so interessant.
