Als Citybound 1998 zum ersten Mal beim bsj Marburg auftauchte, kam es nicht mit großem Tamtam, fertigem Methodenkoffer oder stapelweise Fachliteratur daher. Im Gegenteil: Es kam eher leise, eher unfertig und mit der sehr berechtigten Frage: „Könnte Abenteuerpädagogik eigentlich auch in der Stadt stattfinden?“
1998 begann ich als hauptamtliche Mitarbeiterin beim bsj Marburg e.V. zu arbeiten. Zu meinem Arbeitsfeld gehörte damals die Begleitung junger Aussiedler*innen und Migrant*innen beim Ankommen und Finden von Zugängen zu gesellschaftlicher Teilhabe. Der bsj Marburg war zu dieser Zeit stark geprägt von klassischer Abenteuerpädagogik: Klettern, Kanufahren, Wandern, kooperative Aufgaben im Wald, Naturerfahrungen. All das war wertvoll, lebendig und wirksam. Gleichzeitig merkte ich: Für junge Menschen, die sich in einer neuen Gesellschaft zurechtfinden sollten, reichte der Wald allein nicht aus. So schön ein Lagerfeuer auch ist, den Busfahrplan erklärt es nicht und damals gab es weder Google Maps noch Smartphones oder eine KI, die einem freundlich den nächsten Schritt vorschlägt. Wer sich orientieren wollte, musste Menschen fragen, Wege ausprobieren und mit Unsicherheit umgehen. Genau darin lag der pädagogische Reiz.
Kurz vor meinem Arbeitsbeginn war ich auf eine Methode gestoßen, die in Deutschland damals noch kaum bekannt war: Citybound. Viel Material gab es dazu nicht. Eine Publikation, wenige Praxisberichte, ein paar Hinweise – und einen Verein in Berlin, der passenderweise Citybound e.V. hieß. Also nahm ich Kontakt auf und fragte nach: Was macht ihr da eigentlich?
Die ersten Ideen, die mir begegneten, waren noch stark geprägt von Orientierungsspielen im öffentlichen Raum – heute weit verbreitet als „Scotland Yard“ im echten Verkehrsnetz. Außerdem wurden städtische Räume für abenteuerpädagogische Aktionen genutzt, etwa durch Abseilen von Brücken. Das fand ich spannend. Aber mich interessierte zunehmend noch etwas anderes: die kleinen, kommunikativen Abenteuer mitten in der Gesellschaft. Jugendliche bekamen Aufgaben, bei denen sie fremde Menschen befragen, ohne Stadtplan einen Ort finden oder ungewöhnliche Anliegen umsetzen mussten. Es ging nicht darum, besonders spektakulär zu sein, sondern darum, im echten Leben mutig zu werden.
Das sorgte im Verein für Diskussionen. Der bsj war eng mit der Universität Marburg und mit Prof. Dr. Peter Becker verbunden, der die Abenteuerpädagogik und Abenteuertheorie maßgeblich mitgeprägt hatte. Nach einigen Jahren des Ausprobierens wurde ich zu einem Gespräch eingeladen, in dem es um die Frage ging: Ist das überhaupt Abenteuer? Braucht Abenteuer nicht Berge, Flüsse, Nacht, Wald, Seile, Kälte, Matsch und mindestens einen nassen Schuh?
Wir diskutierten lange. Und aus heutiger Sicht war genau diese Diskussion zentral. Denn Abenteuer ist individuell. Für manche Menschen ist der reißende Fluss eine Herausforderung. Für andere ist es der Moment, eine fremde Person um Hilfe zu bitten. Für Dritte ist es die Felswand. Für wiederrum andere der Versuch, in einer unbekannten Stadt einen Ort zu finden, ohne Google Maps, ohne Karte, nur durch Fragen. Und manchmal ist ein Polaroid-Foto mit einem fremden Menschen eben genauso aufregend wie eine Nachtwanderung – nur mit mehr Small Talk.
Nach und nach setzte sich die Idee durch: Die Stadt kann ein Abenteuerraum sein. Nicht, weil sie künstlich spektakulär gemacht wird, sondern weil sie real ist. Citybound findet nicht im inszenierten Schonraum statt, sondern mitten im gesellschaftlichen Alltag. Genau darin liegt seine pädagogische Kraft.
Bereits im Jahr 2000 fand die erste bsj-Citybound-Fortbildung in Deutschland in Köln statt. Auch daran erinnere ich mich noch gut. Ich hatte die Jugendherberge gebucht und fragte die Leitung des Hauses, ob wir uns vielleicht vom Dach abseilen dürften. Die Reaktion war – sagen wir – interessiert irritiert. Immerhin wurde ernsthaft darüber nachgedacht. Am Ende wurde es dann doch nicht das Dach der Jugendherberge, sondern eine nahegelegene Brücke. Auch das ist Citybound: Man hat eine Idee, stößt auf Realität, verhandelt mit Menschen, passt den Plan an und entdeckt dabei neue Möglichkeiten.
2004 folgte die erste Veröffentlichung in einem Citybound-Fachbuch. Über die Jahre wurde die Methode im bsj immer weiterentwickelt, erprobt und verbreitet. Es gab zahlreiche Fortbildungen für soziale Fachkräfte und Multiplikator*innen, Workshops auf europäischen Fachtagungen, unter anderem in Birmingham, Stockholm, Helsinki, Salzburg und Marburg. Im Projekt „IVET Venture“ wurde Citybound von 2013 bis 2015 gemeinsam mit Partnerinnen aus Österreich, der Türkei und Rumänien in einer internationalen Trainer*innenausbildung weitergegeben. Durch Gastbesuche, gemeinsame Praxisphasen und Fortbildungen fand die Methode ihren Weg in unterschiedliche europäische Kontexte.
Ein besonderer Höhepunkt war der hessische Fachtag „Das Abenteuer um die Ecke“ im letzten Jahr in Marburg. 75 soziale Fachkräfte beschäftigten sich dort mit pädagogischen Methoden im Sozialraum Stadt. Damit wurde sichtbar, was sich über viele Jahre entwickelt hatte: Citybound war nicht mehr die kleine, etwas erklärungsbedürftige Methode am Rand der Abenteuerpädagogik. Citybound ist angekommen.
Methodisch unterscheidet sich Citybound bis heute deutlich von vielen klassischen abenteuerpädagogischen Angeboten. Während es dort häufig um Gruppendynamik, Kooperation und soziales Lernen innerhalb der Gruppe geht, arbeitet Citybound stärker vom Individuum her. Der Weg führt oft von der Großgruppe über die Kleingruppe hin zur persönlichen Herausforderung. Am Ende steht häufig eine Aufgabe, die jede*r Einzelne bewältigen muss: sich orientieren, Kontakt aufnehmen, kommunizieren, sich im öffentlichen Raum bewegen, mit Fremdheit umgehen und dabei Selbstwirksamkeit erleben.
Im Zentrum stehen Kommunikation, Mobilität, Orientierung und Begegnung. Die Teilnehmenden lernen nicht nur etwas über sich selbst, sondern auch über die Gesellschaft, in der sie sich bewegen. Sie erfahren: Ich kann fragen. Ich kann mich zurechtfinden. Ich kann Kontakt aufnehmen. Ich kann Unsicherheit aushalten. Ich kann im realen Raum handeln.
Vielleicht ist genau das der Kern von Citybound im bsj: Abenteuer muss nicht immer weit weg sein. Manchmal liegt es direkt vor der Haustür, an der Bushaltestelle, auf dem Marktplatz, im Gespräch mit einer fremden Person oder in der Aufgabe, den eigenen Mut zusammenzunehmen und loszugehen.
Aus einer zunächst irritierenden Idee ist über die Jahre ein etabliertes Arbeitsfeld geworden. Citybound gehört heute selbstverständlich zum bsj-Repertoire. Und wenn man zurückblickt, wirkt es fast logisch: Ein Verein, der Menschen ermutigen will, neue Erfahrungen zu machen, Grenzen zu erweitern und sich selbst als handlungsfähig zu erleben, musste früher oder später auch die Stadt als Abenteuerraum entdecken.
Oder anders gesagt: Der bsj ist irgendwann aus dem Wald gekommen – und hat festgestellt, dass zwischen Fußgängerzone, Straßenbahn, Brücke und Marktplatz mindestens genauso viele Abenteuer warten.
