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40 Türchen

Zum Jubiläum öffnet der bsj Marburg mit 40 Türchen Ihnen und Euch vielfältige Einblicke in die Praxis des Vereins. Im Laufe des Jahres kommen stets neue Geschichten dazu.

Viel Freude beim Stöbern!

Abenteuer auf dem Meer

Ins Unbekannte aufzubrechen ist seit vierzig Jahren Thema des bsj Marburg. Ein Abenteuer einzugehen und unterwegs zu sein heißt, die sicheren Pfade des Zuhauses zu verlassen und sich ins Fremde zu begeben. So ging es auch sieben jungen Frauen, die von zwei Schulsozialarbeiterinnen der Käthe-Kollwitz-Schule Marburg gezielt angesprochen wurden, ob sie sich vorstellen könnten, eine Woche mit einem Großsegler auf dem Meer unterwegs zu sein.

Die Frage: Mitfahren oder nicht?  war für viele Jugendlichen nicht leicht zu beantworten.  Diese Entscheidung – bereits ein wesentlicher Teil des Abenteuers – stellte eine krisenhafte Erfahrung dar, weil sie nicht wussten, worauf sie sich einlassen. Woher konnten sie wissen, wie sie unbekannte Herausforderungen und Entbehrungen meistern würden? Ihre bisherigen biografischen Erfahrungen waren hier zumeist nur wenig anschlussfähig. Zahlreiche Vorbereitungs-Gespräche drehten sich so auch um die Frage, was es mitzunehmen gilt, um sich zu wappnen und sich etwas Sicherheit einzupacken: „Was, wenn…? Wird es gutgehen?“

Die sieben Jugendlichen erwartete eine gemeinsame Reise ins Unbekannte. Viele der 16–18-jährigen kannten sich vorher nicht und waren doch bereit, sich auf engstem Raum eines Schiffes zu begegnen.

In Mecklenburg-Vorpommern am Stettiner Haff, richteten sie sich auf der „Wappen von Ueckermünde“ ein und machten sich mit der Crew und dem Schiff vertraut. Mit dem Beginn der Fahrt und dem Aufbruch in die Fremde wurden die Jugendlichen durch äußere Bedingungen extrem gefordert.  Der Kapitän konnte den 60 Tonnen schweren Großsegler nicht allein manövrieren. Es galt anzupacken und anstrengende Tätigkeiten wie Segel-Setzten und Navigieren zu übernehmen. Es galt die Angst zu überwinden: vor Wind und Wellen, vor körperlichen Grenzen, vor der Enge auf dem Schiff, vor der Verantwortung und vor schwierigen Klärungsgesprächen in der Gruppe oder mit Einzelnen.

Alle Teilnehmerinnen hatten in ihrem Alltag zuhause Herausforderungen unterschiedlicher Art zu bewältigen: einige Mädchen kamen aus Kriegsgebieten und mussten von dort fliehen. Einige Teilnehmende hatten physische und psychische Gewalt erlebt. Alle jungen Frauen hatten sehr diverse Bildungsverläufe und besuchten unterschiedliche Schulformen (oder besuchten sie derzeit nicht). Die Heterogenität und die unterschiedlichen Alltagsrealitäten erzeugten aber keine Abgrenzung und Ablehnung, sondern wurden von den Teilnehmenden als sehr gewinnbringend erlebt.

Eine Heranwachsende schilderte ihre Erfahrungen während der Reise: Anfangs „waren die Menschen um mich herum Fremde – Gesichter ohne Bedeutung, nur Körper mit verschiedenen Hautfarben, Stimmen, Bewegungen. Dann fing ich langsam an, die Menschen um mich herum wirklich zu sehen.“ Die Teilnehmerinnen beschrieben übereinstimmend die Reise als eine Zeit, in der sie sich frei fühlten und sie selbst sein durften. Sie erlebten sieben sehr intensive Tage, in denen sie vieles ausprobieren konnten und ihnen noch mehr zugetraut wurde. Eine Teilnehmerin sagt sinnbildlich: „Wo vorher weiß war, sind jetzt unendlich viele Farben“ und „ich war endlich wieder in meinem Körper. Nach Jahren. Endlich wieder im Moment.“

Die Reisenden erlebten sich fern ihres Alltags mitten im Abenteuer auf dem Meer eins mit sich und verbunden mit Anderen – zwar erschöpft aber auch völlig frei und lebendig zugleich. Erfahrungen, die für einige aufgrund ihrer persönlichen Herausforderungen oder ihrer kulturellen Herkunft völlig neu waren.

Durch die täglichen Reflexionen in Kleingruppen, im eins-zu-eins-Kontakt und in der Großgruppe übten die Teilnehmenden sich selbst, ihre Gefühle und ihre Erfahrungen zu beobachten, wahrzunehmen und zu besprechen. Das Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit in hochkonzentrierter Form stärkte nicht nur das Selbstvertrauen, sondern auch die persönlichen Ressourcen der jungen Frauen.

Die Freude, die Erkenntnisse und die daraus folgende Motivation der Teilnehmerinnen bestätigt einmal mehr die hohe Wirksamkeit des abenteuerlichen Unterwegsseins.
Der HIER verlinkte Film bietet einen Einblick in die Reise.

Das Vorhaben ist eingebunden in die Schulsozialarbeit der Universitätsstadt Marburg (Sozialpädagogisches Handeln an Schule). Das Projekt auf dem Großsegler wurde als Mikroprojekt aus Fördermitteln der Fachstelle Gendersensible Jugendarbeit (der Jugendförderung) der Universitätsstadt Marburg finanziert.