Die Verleihung eines Preises ist wahrlich kein Ereignis, das alle Tage passiert. Um so größer war dann auch die Überraschung, als Mitte September eine Emailnachricht Marburg erreichte, in der darauf hingewiesen wurde, dass dem bsj-Kooperationsprojekt ELaDiNa der diesjährige Preis für innovative Lehrmethoden der 27 Länder umfassenden Europäischen Union verliehen wurde. Der European Innovative Teaching Award (EITA) wird jährlich verliehen und würdigt herausragende Unterrichtspraktiken, die im Rahmen von Erasmus+ Projekten entwickelt wurden. 2025 sind Projekte in den fünf Kategorien Frühe Bildung, Schule, Berufsschule, Erwachsenenbildung und Europäisches Sprachensiegel ausgezeichnet worden. Der Award identifiziert innovative Ansätze im Bildungswesen und hat in diesem Jahr den Schwerpunkt daraufgelegt, demokratische Teilhabe zu fördern, europäische Werte zu vermitteln und zivilgesellschaftliches Handeln sichtbar zu machen.
Das Projekt „Early Language Development in Nature“ (ELaDiNa) ist in der Kategorie Europäisches Sprachensiegel ausgezeichnet worden, bei der es auch um die Förderung des interkulturellen Bewusstseins in ganz Europa geht. Somit würdigt der Award ein Projekt, das die Idee des Europäischen Bildungsraums, hochwertige und inklusive Bildung zugänglich zu machen und gemeinsames Wissen über Ländergrenzen hinweg zu teilen und zu nutzen, in hervorragender Weise ausdrückt.
Über diese Auszeichnung freuen wir uns sehr und sind auch ein wenig stolz darauf, denn Anstoß und Idee des preisgekrönten Projektes sowie das die Projektarbeit tragende theoretische Modell sind im Inneren des bsj von Peter Becker, Jochem Schirp und Martin Vollmar 2018 entwickelt worden. Sehr früh hat sich die Sprachheilpädagogin Carla Sack (Fachberaterin der Universitätsstadt Marburg), mit der der bsj bereits viele Jahre zusammengearbeitet und gemeinsam Qualifizierungsformate zu sprachlicher Bildung und Förderung in der Natur entwickelt hat, in ELaDiNa eingebracht. Die Universitätsstadt Marburg ist somit ein Projektpartner gewesen und stellte mit Caro Bruss (damals Leitung Anneliese Pohl Kindertagesstätte) eine weitere Vertreterin auf der Projektleitungsebene. Viel praktische Erfahrungen, aber auch das theoretische und didaktische Pilotkonzept sind insofern aus Marburg in das Erasmus+ Projekt ELaDiNa geflossen. Der im bsj erprobte Ansatz, Sprachentwicklung durch Aktivitäten in der Natur zu fördern, stieß auf großes Interesse potentieller Projektpartner aus dem europäischen Ausland. Wie innovativ dieser Ansatz war und immer noch ist, zeigen auch die Ergebnisse nationaler Analysen in den jeweiligen Ländern, die vorab durch unsere Projektpartner erfolgt sind. Doch genug mit dem, was im Englischen als “polish the medals“ ironisiert wird.
Internationale Partner für ELaDiNa zu finden, war jedenfalls vor diesem Hintergrund nicht besonders schwer:
- Mit CSOD, dem staatlichen slowenischen Zentrum für schulische und außerschulische Aktivitäten, das 27 Outdoorcenter am Mittelmeer, in den Karawanken oder in den tiefen Wäldern im Herzen Sloweniens verwaltet, die alle slowenischen Schülerinnen und Schüler in ihrer Schulzeit mindestens einmal für zwei Wochen besucht haben müssen, gab es bereits Erfahrungen aus früheren intensiven Austauschkontakten, die die Partnerschaft erleichterten. Das mit europäischen Projekten erfahrene CSOD übernahm auch die technische Koordination von ELaDiNa.
- Das mit CSOD eng zusammenarbeitende Bildungsinstitut der Republik Slowenien (ZRSS) brachte ihre Expertise in der Lehrerbildung in das Projekt ein.
- Für die wissenschaftliche Begleitung konnte Prof. Sue Waite von der University of Plymouth gewonnen werden, die zu den führenden Expertinnen Englands im Bereich der Outdoorerziehung zählt. Sie vermittelte mit der schwedischen Universität Jönköping den dritten Projektpartner, dessen „School of Education and Communication“ die universitäre Mitarbeit repräsentierte.
Es war die Zusammenarbeit aller genannten Projektpartner, die nach langen Sitzungen in Bohinj in den Julischen Alpen 2019 den gemeinsamen Projektantrag auf den Weg brachten, der 2020 von der slowenischen Agentur für Erasmus+ Projekte bewilligt wurde.
Neben den insgesamt zehn Vertreterinnen und Vertretern der schwedischen, slowenischen und deutschen Partnerorganisationen haben 30 pädagogische Fachkräfte aus Kita und Grundschule im ELaDiNa-Projekt über 3 Jahre zusammenarbeiten, sich austauschen und voneinander lernen können – z.B. auf zwei gemeinsamen internationalen Fortbildungen in Outdoor-Zentren im Marburger Umland und in Schweden. An die erfahrungsorientierte Vermittlung der Fortbildungsinhalte haben sich Phasen der Anwendung in den Kindertagesstätten und Schulen und der Reflexion z.B. durch Videoanalysen angeschlossen.
Dabei musste das Projekt größtenteils unter den außerordentlich schwierigen Bedingungen der Covid-19-Pandemie durchgeführt werden. Für alle, die im Projekt engagiert waren, war dies auch ein Lernprozess bezgl. der produktiven Möglichkeiten digitaler Meetings, der über die unmittelbare Covid-Krisenbewältigung hinauswirkt. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass der reale Kontakt zwischen Menschen und die Begegnung in realen Räumen, die Erfahrungen aus erster Hand ermöglichen, eine unverzichtbare Basis für Bildungsprozesse ist: Für den wechselseitigen Wissenstransfer zwischen pädagogischen Fachkräften und die europäische Verständigung über Länder- und Sprachgrenzen hinweg sowie für die Sprachentwicklung von Kindern. Denn der inhaltliche Kern des ELaDiNa-Ansatzes ist, die reale, leiblich-sinnliche Auseinandersetzung mit Naturphänomenen und -räumen als hervorragende Sprach- und Sprechanlässe zu erkennen und zu begleiten.
Im Marburger Zusammenhang haben die Kita in Marburg-Schröck, die Anneliese Pohl-Kita in Marburg, die Kita Weißer Stein in Stadtallendorf, der Marburger Waldkindergarten „Pfifferlinge“, die Bildungsstätte am Richtsberg, die Regenbogenschule Ebsdorf-Leidenhofen sowie die Grundschule Wohra am Projekt ELaDiNa teilgenommen. Die Idee und die verschiedenen Methoden, den erlebnisreichen Naturraum für die sprachliche Bildung und Förderung zu nutzen, haben sie mit in ihre Praxis und zu den ihnen anvertrauten Kindern genommen.
Über den Kreis der teilnehmenden Bildungseinrichtungen hinaus wirkt ELaDiNa durch theoretische wie praktische Publikationen, die als praktisches Handbuch und „Generic Model“ auch in deutscher Sprache vorliegen. Hier lassen sich alle vier Projekt-Outputs herunterladen. Das erfolgreiche internationale Projekt fundiert und erweitert zudem das bsj-Fortbildungsangebot in der Frühen Bildung, das ein wichtiger inhaltlicher Ausgangspunkt für ELaDiNa gewesen ist.
Für den bsj ist ELaDiNa die vorläufig letzte Station in einer langen Tradition, seine Jugend- und Bildungsarbeit auch in internationalen Netzwerken zu verankern. Bereits 10 Jahre nach seiner Gründung versuchten Kolleginnen und Kollegen des bsj in der damals vom Bürgerkrieg heimgesuchten Stadt Derry mit irischen Jugendlichen eine friedliche Bewegungsgegenwelt einzurichten. Das Projekt in Derry war der Anfang einer Kette von internationalen Kooperationen, die bis heute nicht abriss. Die Bürgerkriegsbegleitung blieb die Ausnahme, geblieben sind intensive Begegnungen mit fremder Kultur und fremden Lebensformen, ganz gleich, wo in Europa die Projekte stattfanden, ob beim Jobshadowing in Schottland, beim Jugendaustausch in und mit Slowenien, bei Projekten des Wissenstransfers in Italien oder Bulgarien oder bei Konferenzen in England, Polen oder Finnland.
